Helden

Helden

HELDEN GEORGE BERNARD SHAW Anmerkung des Uebersetzers. PERSONEN Paul Petkoff bulgarischer Major. Katharina seine Frau. Raina ihre Tochter. Sergius Saranoff bulgarischer Major. Bluntschli Hauptmann in der serbischen Armes. Louka Stubenmaedchen. Nicola ein Diener. Ein russischer Offizier. Ein bulgarischer Offizier. Ort der Handlung: Eine kleine Stadt in Bulgarien in der Naehe des Dragomanpasses. Zeit: Das Jahr 1885. ERSTER AKT [Nacht. Das Schlafzimmer eines jungen Maedchens in Bulgarien in einer kleinen Stadt nahe dem Dragomanpass. Ende November 1885. Durch ein grosses offenes Fenster mit kleinem Balkon schimmert sternhell die schneebedeckte Spitze eines Balkanberges wundervoll weiss und schoen herein. Das Gebirge scheint ganz nahe obwohl es in Wirklichkeit meilenweit entfernt ist. Die innere Einrichtung des Zimmers hat keinerlei Aehnlichkeit mit der im oestlichen Europa ueblichen. Sie ist halb reich bulgarisch halb billig wienerisch. Ueber dem Kopfende des Bettes das gegen eine schmale Wand gelehnt ist die die Ecke des Zimmers in der Richtung der Diagonale abschneidet steht ein blau und goldbemalter hoelzerner Schrein mit einem Christusbilde aus Elfenbein. Darueber schwebt in einer von drei Ketten gehaltenen durchbrochenen Metallkugel eine Lampe. Die Hauptsitzgelegenheit eine tuerkische Ottomane befindet sich an der entgegengesetzten Seite des Zimmers dem Fenster gegenueber. Die Bettvorbaenge und die Bettdecke die Fenstervorhaenge der kleine Teppich und alle Stoffe des Zimmers sind praechtig und orientalisch. Die Tapeten an den Waenden sind abendlaendisch und armselig. Der Waschtisch an der Wand in der Naehe des Fensters und der Ottomane besteht aus einem emaillierten eisernen Becken und einem Eimer darunter beides in einem bemalten Eisenstaender. Ein einziges Handtuch haengt ueber dem Handtuchhalter an der Seite. Daneben steht ein Wiener Stuhl aus gebogenem Holz mit Rohrsitz. Der Ankleidetisch zwischen dem Bett und dem Fenster ist aus gewoehnlichem Tannenholz mit einer bunt farbigen Decke belegt darauf ein kostbarer Toilettespiegel. Die Tuer ist in der Naehe des Bettes zwischen Tuer und Bett steht noch eine Kommode. Diese Kommode ist auch mit einem bunten bulgarischen Tuch ueberdeckt und auf ihr befindet sich ein Stoss ungebundener Romane eine Bonbonniere mit Pralinen und eine Miniaturstaffelei mit der grossen Photographie eines aeusserst huebschen Offiziers dessen stolze Haltung und magnetischer Blick sogar aus dem Bilde erkennbar ist.--Das Zimmer wird von einer auf der Kommode brennenden Kerze und von einer andern die sich auf dem Toilettentisch befindet erhellt. Neben letzterer liegt eine Zuendholzschachtel. Das Fenster hat Laengsfluegel die weit offen stehen; ein paar hoelzerne Laeden die sich nach aussen oeffnen sind gleichfalls weit auf. Auf dem Balkon eine junge Dame in den Anblick der Schneeberge versunken. Sie ist sich der romantischen Schoenheit der Nacht wie auch der Tatsache dass ihre eigene Jugend und Schoenheit ein Teil davon ist sehr wohl bewusst. [Sie ist in einen langen Pelzmantel gehuellt der gering geschaetzt dreimal so viel wert ist als die ganze Einrichtung des Zimmers. Aus ihrer Traeumerei wird sie durch ihre Mutter Katharina Petkoff aufgeschreckt eine stattliche Frau ueber vierzig von gebieterischer Energie mit wunderbaren schwarzen Augen und Haaren. Als Frau eines Gutsbesitzers im Gebirge wuerde sie prachtvoll wirken; sie will aber durchaus die Wiener Dame spielen und traegt zu diesem Zwecke bei jeder Gelegenheit ein hochmodernes Tea-gown.] Katharina [tritt hastig ein erfuellt von guten Nachrichten]: Raina! [Sie spricht Rahina mit Betonung des i.] Raina! [Sie geht an das Bett in der Erwartung Raina dort zu finden.] Wo steckst du denn? [Raina wendet sich nach dem Zimmer um.] Um Gottes willen Kind warum da draussen in der Nachtluft statt im Bett! Du wirst dir den Tod holen. Louka sagte mir doch dass du schliefest. Raina [eintretend]: Ich habe sie fortgeschickt weil ich allein sein wollte--die Sterne sind so wundervoll. Was ist denn los? Katharina: Grosse Neuigkeiten--eine Schlacht ist geschlagen worden! Raina [mit weiten Augen]: Ah! [Sie wirft ihren Pelz auf die Ottomane und kommt in blossem Nachtkleid einem huebschen Kleidungsstueck doch sichtlich dem einzigen das sie anhat heftig auf Katharina zu.] Katharina: Eine grosse Schlacht bei Slivnitza ein Sieg! und Sergius hat ihn erfochten. Raina [mit einem Freudenschrei]: Ah--[Entzueckt:] O Mutter! [Dann ploetzlich aengstlich:] Ist der Vater gesund und unversehrt? Katharina: Selbstverstaendlich von ihm kommt ja die Nachricht. Sergius ist der Held des Tages der Abgott seines Regiments. Raina: Erzaehle erzaehle! wie ist das zugegangen? [Ekstatisch:] O Mutter Mutter Mutter! [Sie drueckt ihre Mutter auf die Ottomane nieder. Sie kuessen einander leidenschaftlich.] Katharina [mit ungestuemem Enthusiasmus]: Du kannst dir nicht vorstellen wie herrlich es ist. Eine Kavallerieattacke denke dir nur! Er hat unseren russischen Befehlshabern Trotz geboten er handelte ohne Kommando. Auf eigene Faust fuehrte er einen Angriff aus er selbst an der Spitze. Er war der erste Mann der die feindliche Artillerie durchbrach! Stell es dir nur einmal vor Raina wie unsere kuehnen glaenzenden Bulgaren mit blitzenden Schwertern und blitzenden Augen einer Lawine gleich herniederdonnerten und die elenden Serben mit ihren geckenhaften oesterreichischen Offizieren wegfegten wie Spreu. Und du du liessest Sergius ein Jahr lang warten bis du ihm dein Jawort gabst. Oh wenn du einen Tropfen bulgarischen Blutes in den Adern hast wirst du ihn jetzt anbeten wenn er zurueckkommt. Raina: Was wird ihm an meiner armseligen Anbetung liegen nachdem ihm eine Armee von Helden zugejubelt hat! Doch einerlei. Ich bin so gluecklich so stolz! [Sie steht auf und geht heftig bewegt auf und ab.] Es beweist mir dass alle unsere Ideen doch Wahrheit waren. Katharina [indigniert]: Unsere Ideen Wahrheit? Was meinst du damit? Raina: Unsere Vorstellungen von dem was ein Mann wie Sergius einmal vollbringen wuerde--unsere Vorstellungen von Patriotismus von Heldentum. Ich zweifelte manchmal ob sie etwas anderes als Traeume waeren. Oh was fuer unglaeubige kleine Geschoepfe wir Maedchen sind! Als ich Sergius den Saebel umguertete sah er so edel aus. Es war Verrat von mir da an Enttaeuschungen Demuetigung oder Misserfolg zu denken und doch--und doch...[Rasch:] Versprich mir dass du es ihm niemals sagen wirst. Katharina: Verlange kein Versprechen von mir bevor ich weiss was ich eigentlich versprechen soll. Raina: Nun als er mich in seinen Armen hielt und mir in die Augen blickte da fiel es mir ein dass wir vielleicht unsere Vorstellungen von Heldengroesse bloss deshalb haben weil wir gar so gerne Byron und Puschkin lesen und weil wir in diesem Jahre von der Oper in Bukarest so entzueckt waren. Das wirkliche Leben gleicht so selten diesen Bildern--ja niemals soweit ich es bis dahin kannte...[reuevoll:] Denk dir nur Mutter ich zweifelte an ihm. Ich fragte mich ob nicht am Ende alle seine Soldateneigenschaften und sein Heldentum sich als Einbildung erweisen wuerden sobald er sich in einer wirklichen Schlacht befaende. Ich hatte eine unangenehme Angst dass er am Ende gar eine klaegliche Figur inmitten all der klugen russischen Offiziere abgeben wuerde. Katharina: Schaemst du dich nicht--eine klaegliche Figur? Die Serben haben oesterreichische Offiziere die genau so klug sind wie unsere russischen und wir haben sie trotzdem in jeder Schlacht geschlagen. Raina [lacht und setzt sich wieder]: Jawohl! ich war bloss ein poesieloser kleiner Feigling. Nein zu denken dass dies alles wahr ist--dass Sergius genau so edel und kuehn ist wie er aussieht-- dass die Welt tatsaechlich eine herrliche Welt fuer Frauen ist die ihre Groesse sehen koennen und fuer Maenner die faehig sind ihre Romantik darzustellen! Was fuer ein Glueck was fuer unaussprechliche Erfuellungen--ach! [Sie wirft sich neben ihrer Mutter auf die Knie und umschlingt sie leidenschaftlich mit den Armen.] [Sie werden durch den Eintritt Loukas unterbrochen eines huebschen stolzen Maedchens in der huebschen bulgarischen Bauerntracbt mit Klappschuerze. Sie benimmt sich so keck dass ihr dienstliches Verhalten gegen Raina beinahe unverschaemt aussieht; vor Katharina fuerchtet sie sich aber selbst mit ihr geht sie so weit wie sie's nur immer wagen zu duerfen glaubt. Sie ist jetzt ebenso aufgeregt wie die anderen aber sie sympathisiert nicht mit Rainas Begeisterung und blickt verachtungsvoll auf die Verzueckung der beiden bevor sie sie anredet.] Louka: Entschuldigen Sie gnaedige Frau alle Fenster muessen geschlossen und alle Laeden verriegelt werden. Man sagt dass vielleicht in den Strassen geschossen werden wird. [Raina und Katharina erheben sich gleichzeitig erschrocken.] Die Serben werden durch den Pass zurueckgejagt und es heisst sie koennten sich in die Stadt fluechten. Unsere Kavallerie wird ihnen nachsetzen und Sie koennen sicher sein dass unser Volk sie gebuehrend empfangen wird; jetzt wo sie davonlaufen. [Sie geht auf den Balkon hinaus schliesst die Aussenlaeden und tritt dann in das Zimmer zurueck.] Raina: Ich wollte unsere Leute waeren nicht so grausam. Was ist das fuer ein Ruhm arme Fluechtlinge niederzumachen? Katharina [geschaeftig sich ihrer haeuslichen Pflichten erinnernd]: Ich muss zusehen dass unten alles in Sicherheit gebracht wird. Raina [zu Louka]: Lass die Laeden so dass ich sie schnell schliessen kann sobald ich irgendwelchen Laerm hoere. Katharina [strenge waehrend sie ihren Weg nach der Tuer fortsetzt]: O nein mein Kind die Laeden muessen verriegelt bleiben; du wuerdest sicher darueber einschlafen und sie offen lassen. Riegele sie ganz zu Louka. Louka: Jawohl gnaedige Frau. [Sie schliesst sie.] Raina: Sei ohne Sorge meinetwegen sobald ich einen Schuss hoere werde ich die Kerzen ausloeschen mich in mein Bett verkriechen und die Decke ueber die Ohren ziehen. Katharina: Das kluegste was du tun kannst liebes Kind. Gute Nacht. Raina: Gute Nacht Mama. [Sie kuessen einander und Rainas Ergriffenheit kehrt fuer einen Augenblick zurueck.] Beglueckwuensche mich zu der schoensten Nacht meines Lebens--wenn nur die Fluechtlinge nicht waeren. Katharina: Geh zu Bett Liebling und denk nicht daran. [Geht ab.] Louka [heimlich zu Raina]: Wenn Sie die Laeden offen haben wollen stossen Sie nur ein wenig--so! [Sie stoesst ein wenig gegen die Laeden die Laeden gehen auf dann schliesst sie sie wieder.] Der eine muesste unten verriegelt werden aber der Riegel ist abgebrochen. Raina [wuerdevoll missbilligend]: Danke Louka aber wir muessen tun was uns befohlen wird. [Louka schneidet ein Gesicht.] Gute Nacht! Louka [nachlaessig]: Gute Nacht. [Sie stolziert ab.] Raina [allein gelassen gebt nach der Kommode und betet das darauf befindliche Bild mit Empfindungen an die ueber jeden Ausdruck sind. Sie kuesst es weder noch presst sie es ans Herz noch gibt sie ihm irgendein Zeichen von koerperlicher Zaertlichkeit aber sie nimmt es in die Haende und hebt es empor wie eine Priesterin.--Das Bild betrachtend]: Oh ich werde mich nie mehr deiner unwert zeigen. Held meiner Seele--nie nie nie! [Sie setzt das Bild ehrfuerchtig zurueck dann waehlt sie einen Roman aus dem kleinen Buecherstoss. Vertraeumt blaettert sie darin findet wo sie stehen geblieben ist biegt das Buch an dieser Stelle nach aussen zusammen und mit einem gluecklichen Seufzer sinkt sie auf das Bett um sich in den Schlaf zu lesen. Bevor sie sich jedoch ihrem Roman ueberlaesst blickt sie noch einmal auf gedenkt der seligen Wirklichkeit und murmelt]: Mein Held! mein Held! [Ein entfernter Schuss durchbricht draussen die Stille der Nacht. Sie faehrt horchend auf--da fallen noch zwei Schuesse aus viel groesserer Naehe. Sie erschrickt stuerzt aus dem Bett und blaest die Kerze auf der Kommode rasch aus. Dann laeuft sie mit den Haenden an den Ohren zum Toilettetisch blaest die Kerze auch dort aus und eilt im Dunkeln in ihr Bett zurueck man unterscheidet nichts mehr in der Stube als einen Lichtschimmer aus der durchbrochenen Metallkugel vor dem Christusbilde und das Sternenlicht das durch die Spalten der Fensterlaeden glaenzt. Abermals fallen Schuesse ein fuerchterliches Gewehrfeuer ist ganz nahe. Waehrend man noch das Echo der Salve hoert werden die Fensterlaeden von aussen aufgestossen fuer einen Augenblick flutet in einem Rechteck das schneeige Sternenlicht ploetzlich herein von dem sich die dunkle Silhouette einer maennlichen Gestalt abhebt. Dann schliessen sich die Laeden wieder und das Zimmer liegt abermals im Dunkeln. Aber jetzt wird das Schweigen durch ein keuchendes Atemholen unterbrochen dann hoert man ein Kratzen und die Flamme eines Streichholzes wird in der Mitte des Zimmers sichtbar.] Raina [aufs Bett gekauert]: Wer ist da? [Das Streichholz verlischt sofort wieder.] Wer ist da--wer ist da? [Eines Mannes Stimme gedaempft aber drohend]: Scht! Schreien Sie nicht sonst schiesse ich! Bleiben Sie ruhig und es wird Ihnen nichts geschehen. [Man hoert wie sie ihr Bett verlaesst und nach der Tuer tastet.] Nehmen Sie sich in acht es hilft Ihnen nichts wenn Sie davonlaufen wollen. Merken Sie sich sobald Sie Ihre Stimme erheben wird mein Revolver losgehen. [Befehlend:] Machen Sie Licht und lassen Sie sich sehen! Hoeren Sie! [Noch ein Augenblick der Stille und Dunkelheit waehrend Raina an den Toilettetisch zuruecktritt. Dann zuendet sie die Kerze an und das Raetsel loest sich.--Ein Mann von ungefaehr fuenfunddreissig Jahren in bejammernswuerdigem Zustande mit Kot Blut und Schnee bespritzt steht vor ihr. Sein Degengehaenge und der Riemen seiner Revolvertasche halten die Fetzen des blauen Waffenrocks eines serbischen Artillerieoffiziers zusammen. Alles was man beim Kerzenlichte aus dem ungewaschenen verwahrlosten Aussehen des Mannes halbwegs erkennen kann ist dass er mittelgross von nicht sehr vornehmem Aussehen breitschultrig und starkknochig ist. Sein rundlicher eigensinnig aussehender Kopf ist mit kurzen braunen Locken bedeckt. Er hat klare bewegliche blaue Augen gutmuetige Brauen und einen freundlichen Mund eine hoffnungslos prosaische Nase wie die eines besonders aufgeweckten Babys aufrechte soldatische Haltung und eine energische Art; er besitzt volle Geistesgegenwart trotz seiner verzweifelten Lage die er sogar mit einem Anflug von Humor betrachtet ohne jedoch im geringsten damit spielen zu wollen oder eine Rettungsmoeglichkeit ausser Acht zu lasten.--Er ueberlegt was er von Raina zu erwarten haben mag schaetzt ihr Alter ihre gesellschaftliche Stellung ab ihren Charakter den Grad ihrer Furcht alles mit einem Blick und faehrt hoeflicher aber immer aeusserst entschlossen fort]: Entschuldigen Sie dass ich Sie stoere aber Sie erkennen wahrscheinlich meine Uniform ich bin Serbe! Wenn ich gefangen werde wird man mich toeten. [Drohend]: Begreifen Sie das? Raina: Ja. Der Fluechtling: Nun ich habe keine Lust zu sterben solange ich es verhindern kann. [Noch fuerchterlicher]: Begreifen Sie das? [Er verschliesst die Tuer mit einem kurzen Schnappen des Schlosses.] Raina [verachtungsvoll]: Es scheint Sie haben keine. [Sie richtet sich stolz auf und blickt ihm gerade ins Gesicht waehrend sie mit scharfer Betonung spricht]: Es gibt Soldaten die den Tod fuerchten das weiss ich. Der Fluechtling [mit Galgenhumor]: Alle fuerchten ihn verehrte Dame alle glauben Sie mir. Es ist unsere Pflicht so lange zu leben wie wir nur koennen und wenn Sie Laerm schlagen-Raina [ihn unterbrechend]: Dann werden Sie mich erschiessen! Aber woher wissen Sie dass ich den Tod fuerchte? Der Fluechtling [schlau]: Und wenn ich Sie nicht erschiesse was wird dann geschehen? Eine Rotte Ihrer Kavallerie--das elendeste Gesindel Ihrer Armee--wird in dieses Ihr huebsches Zimmer einbrechen und mich wie ein Schwein abschlachten. Denn ich werde mich wehren und fechten wie ein Teufel. Sie sollen mich nicht auf die Strasse bekommen und sich an mir belustigen; ich weiss wozu sie imstande sind. Sind Sie bereit in Ihrer augenblicklichen Verfassung in dieser Toilette eine solche Gesellschaft zu empfangen? [Raina besinnt sich in dem Moment auf ihr Nachtgewand schreckt instinktiv zusammen und zieht es enger um den Leib. Er beobachtet sie und fuegt ohne Erbarmen hinzu]: Kaum praesentabel was? [Sie geht nach der Ottomane er richtet augenblicklich seine Pistole auf sie und ruft]: Halt! [Sie bleibt stehen.] Wohin wollen Sie? Raina [mit wuerdevoller Geduld]: Ich will nur meinen Mantel holen. Der Fluechtling [geht rasch nach der Ottomane und reisst den Pelz an sich]: Ein guter Gedanke. Nein den Mantel behalte ich; dann werden Sie dafuer sorgen dass niemand hier eindringt und Sie so sieht. Das ist eine bessere Waffe als mein Revolver. [Er wirft den Revolver auf die Ottomane.] Raina [empoert]: Es ist nicht die Waffe eines Gentleman! Der Fluechtling: Gut genug fuer einen Mann wenn zwischen ihm und dem Tod nur Sie stehen. [Waehrend sie einander nun einen Augenblick stumm betrachten in welchem Raina kaum zu glauben vermag dass selbst ein serbischer Offizier so zynisch und selbstsuechtig und unritterlich sein koenne werden sie durch ein scharfes Gewehrfeuer in der Strasse aufgeschreckt. Furchtbare Todesangst laesst den Fluechtling seine Stimme daempfen als er hinzufuegt]: Hoeren Sie? Wenn Sie diese Halunken schon hereinlassen und auf mich hetzen wollen so werden Sie sie wenigstens empfangen so wie Sie da sind. [Raina begegnet seinen Blicken mit unerschrockener Verachtung. Ploetzlich faehrt er horchend auf; man hoert Schritte von aussen jemand drueckt auf die Klinke und klopft dann hastig und dringend. Raina sieht den Fluechtling atemlos an er wirft entschlossen den Kopf zurueck mit der Bewegung eines Menschen der nun weiss dass er verloren ist und indem er sein Benehmen das Raina einschuechtern sollte aufgibt wirft er ihr den Mantel zu und ruft aufrichtig und artig]: Es ist umsonst ich bin verloren! Schnell huellen Sie sich in den Mantel sie kommen! Raina [faengt den Mantel hastig auf]: Oh--ich danke! [Sie wirft den Mantel sehr erleichtert um er zieht seinen Degen und wendet sich nach der Tuer und wartet.] Louka [von aussen klopfend]: Gnaediges Fraeulein! gnaediges Fraeulein! Stehen Sie schnell auf und oeffnen Sie die Tuer! Raina [aengstlich]: Was wollen Sie tun? Der Fluechtling [grimmig]: Das ist jetzt einerlei gehen Sie nur aus dem Weg es wird nicht lange dauern. Raina [impulsiv]: Ich will Ihnen helfen! Verstecken Sie sich oh verstecken Sie sich schnell hinter diesen Vorhang. [Sie fasst ihn bei einem zerrissenen Zipfel seines Aermels und zieht ihn nach dem Fenster.] Der Fluechtling [ihr nachgehend]: Es ist noch ein Funken Hoffnung vorhanden wenn Sie Ihre Geistesgegenwart bewahren. Merken Sie sich: von zehn Soldaten sind neun geborene Dummkoepfe. [Er versteckt sich hinter dem Vorhang sieht aber noch einmal heraus und sagt:] Wenn sie mich dennoch finden so verspreche ich Ihnen einen Teufelskampf. [Er verschwindet. Raina nimmt den Mantel ab und wirft ihn an das Fussende des Bettes dann oeffnet sie mit schlaefrigem verstoertem Wesen die Tuer. Louka tritt aufgeregt ein.] Louka. Ein Mann wurde gesehen wie er die Dachrinne zu Ihrem Balkon hinaufgeklettert ist ein Serbe. Die Soldaten wollen ihm nachsetzen und sind so wild und betrunken und wuetend. Die Gnaedige laesst sagen Sie moechten sich sofort ankleiden. Raina [scheinbar aergerlich dass sie gestoert wird]: Hier lasse ich sie nicht suchen. Warum hat man sie eingelassen?! Katharina [hastig hereinstuerzend]: Raina mein Liebling dir ist doch nichts passiert? Hast du irgend etwas gesehen oder gehoert? Raina: Ich hoerte nur schiessen; aber ich hoffe die Soldaten werden es nicht wagen hier in mein Schlafzimmer einzudringen! Katharina: An ihrer Spitze ist ein russischer Offizier--dem Himmel sei Dank. Er kennt Sergius. [Spricht durch die Tuer zu jemand der draussen steht:] Bitte treten Sie ein Herr Leutnant; meine Tochter ist bereit Sie zu empfangen. [Ein junger russischer Offizier in bulgarischer Uniform tritt ein den Saebel in der Faust.] Russischer Offizier [mit sanfter geschmeidiger Hoeflichkeit und steifer militaerischer Haltung]: Guten Abend gnaediges Fraeulein. Ich bedaure hier eindringen zu muessen aber ein Fluechtling ist auf Ihrem Balkon versteckt. Wollen Sie und Ihre gnaedige Frau Mutter so gut sein und sich zurueckziehen waehrend wir ihn suchen? Raina [ungeduldig]: Unsinn! Sie sehen von hier aus dass niemand auf dem Balkon sein kann. [Sie stoesst die Laeden weit auf steht mit dem Ruecken gegen den Vorhang hinter dem der Fluechtling versteckt ist und zeigt auf den vom Mond beschienenen Balkon. Zwei Schuesse fallen direkt unter dem Fenster und eine Kugel zertruemmert das Fensterglas gegenueber von Raina sie schliesst einen Moment die Augen und atmet schwer aber haelt sich tapfer waehrend Katharina aufschreit und der Offizier mit dem Ausruf "Geben Sie Acht" auf den Balkon hinausstuerzt.] Russischer Offizier [auf dem Balkon schreit wuetend in die Strasse hinunter]: Hoert auf hier herein zu schiessen ihr Dummkoepfe verstanden! Hoert auf zu feuern verfluchte Kerle! [Er starrt einen Augenblick hinunter dann wendet er sich zu Raina und versucht seine hoefliche Stellung von vorhin wieder einzunehmen.] Konnte jemand ohne Ihr Wissen hier eindringen? Schliefen Sie? Raina: Nein ich war noch nicht zu Bett. Russischer Offizier [tritt ungeduldig in das Zimmer zurueck]: Ihre Nachbarn haben die Koepfe so voll mit davongelaufenen Serben dass sie ueberall welche sehen. [Hoeflich]: Gnaediges Fraeulein ich bitte tausendmal um Verzeihung. Gute Nacht. [Verneigt sich militaerisch. Raina erwidert den Gruss kalt er verneigt sich vor Katharina die ihn hinausbegleitet. Raina schliesst die Laeden. Sie wendet sich um und bemerkt Louka die diese Szene neugierig beobachtet hat.] Raina: Lassen Sie meine Mutter nicht allein Louka waehrend die Soldaten da sind. [Louka blickt auf Raina auf die Ottomane auf den Vorhang dann spitzt sie die Lippen diskret lacht in sich hinein und geht hinaus. Raina durch dieses Mienenspiel sehr beleidigt folgt ihr bis an die Tuer und schlaegt sie hinter ihr zu sie geraeuschvoll verriegelnd. Der Fluechtling tritt sofort hinter dem Vorhang hervor steckt seinen Saebel ein und schuettelt in gleichsam geschaeftlicher Weise die Gefahr von sich ab.] Der Fluechtling: Um ein Haar doch um ein Haar ist auch gefehlt. Verehrtes Fraeulein Ihr Sklave bis in den Tod! Ich wuenschte jetzt Ihretwegen ich waere in die bulgarische Armee statt in die serbische eingetreten. Ich bin kein Serbe von Geburt. Raina [hochmuetig]: Nein Sie sind einer von jenen Oesterreichern die ...