Heidis Lehr- Und Wanderjahre

Heidis Lehr- Und Wanderjahre

HEIDIS LEHR- UND WANDERJAHRE JOHANNA SPYRI Inhalt Zum Alm-Oehi hinauf Beim Grossvater Auf der Weide Bei der Grossmutter Es kommt ein Besuch und dann noch einer der mehr Folgen hat Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge Fraeulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag Im Hause Sesemann geht's unruhig zu Der Hausherr hoert allerlei in seinem Hause das er noch nicht gehoert hat Eine Grossmama Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab Im Hause Sesemann spukt's Am Sommerabend die Alm hinan Am Sonntag wenn's laeutet Zum Alm-Oehi hinauf Vom freundlichen Dorfe Maienfeld fuehrt ein Fussweg durch gruene baumreiche Fluren bis zum Fusse der Hoehen die von dieser Seite gross und ernst auf das Tal herniederschauen. Wo der Fussweg anfaengt beginnt bald Heideland mit dem kurzen Gras und den kraeftigen Bergkraeutern dem Kommenden entgegenzuduften denn der Fussweg geht steil und direkt zu den Alpen hinauf. Auf diesem schmalen Bergpfade stieg am hellen sonnigen Junimorgen ein grosses kraeftig aussehendes Maedchen dieses Berglandes hinan ein Kind an der Hand fuehrend dessen Wangen so gluehend waren dass sie selbst die sonnverbrannte voellig braune Haut des Kindes flammend rot durchleuchteten. Es war auch kein Wunder: Das Kind war trotz der heissen Junisonne so verpackt als haette es sich eines bitteren Frostes zu erwehren. Das kleine Maedchen mochte kaum fuenf Jahre zaehlen; was aber seine natuerliche Gestalt war konnte man nicht ersehen denn es hatte sichtlich zwei wenn nicht drei Kleider uebereinander angezogen und drueberhin ein grosses rotes Baumwolltuch um und um gebunden so dass die kleine Person eine voellig formlose Figur darstellte die in zwei schwere mit Naegeln beschlagene Bergschuhe gesteckt sich heiss und muehsam den Berg hinaufarbeitete. Eine Stunde vom Tal aufwaerts mochten die beiden gestiegen sein als sie zu dem Weiler kamen der auf halber Hoehe der Alm liegt und 'im Doerfli' heisst. Hier wurden die Wandernden fast von jedem Hause aus angerufen einmal vom Fenster einmal von einer Haustuer und einmal vom Wege her denn das Maedchen war in seinem Heimatort angelangt. Es machte aber nirgends Halt sondern erwiderte alle zugerufenen Gruesse und Fragen im Vorbeigehen ohne still zu stehen bis es am Ende des Weilers bei dem letzten der zerstreuten Haeuschen angelangt war. Hier rief es aus einer Tuer: "Wart einen Augenblick Dete ich komme mit wenn du weiter hinaufgehst." Die Angeredete stand still; sofort machte sich das Kind von ihrer Hand los und setzte sich auf den Boden. "Bist du muede Heidi?" fragte die Begleiterin. "Nein es ist mir heiss" entgegnete das Kind. "Wir sind jetzt gleich oben du musst dich nur noch ein wenig anstrengen und grosse Schritte nehmen dann sind wir in einer Stunde oben" ermunterte die Gefaehrtin. Jetzt trat eine breite gutmuetig aussehende Frau aus der Tuer und gesellte sich zu den beiden. Das Kind war aufgestanden und wanderte nun hinter den zwei alten Bekannten her die sofort in ein lebhaftes Gespraech gerieten ueber allerlei Bewohner des 'Doerfli' und vieler umherliegender Behausungen. "Aber wohin willst du eigentlich mit dem Kinde Dete?" fragte jetzt die neu Hinzugekommene. "Es wird wohl deiner Schwester Kind sein das hinterlassene." "Das ist es" erwiderte Dete "ich will mit ihm hinauf zum Oehi es muss dort bleiben." "Was beim Alm-Oehi soll das Kind bleiben? Du bist denk ich nicht recht bei Verstand Dete! Wie kannst du so etwas tun! Der Alte wird dich aber schon heimschicken mit deinem Vorhaben!" "Das kann er nicht er ist der Grossvater er muss etwas tun ich habe das Kind bis jetzt gehabt und das kann ich dir schon sagen Barbel dass ich einen Platz wie ich ihn jetzt haben kann nicht dahinten lasse um des Kindes willen; jetzt soll der Grossvater das Seinige tun." "Ja wenn der waere wie andere Leute dann schon" bestaetigte die kleine Barbel eifrig; "aber du kennst ja den. Was wird der mit einem Kinde anfangen und dann noch einem so kleinen! Das haelt's nicht aus bei ihm! Aber wo willst du denn hin?" "Nach Frankfurt" erklaerte Dete "da bekomm ich einen extraguten Dienst. Die Herrschaft war schon im vorigen Sommer unten im Bad ich habe ihre Zimmer auf meinem Gang gehabt und sie besorgt und schon damals wollten sie mich mitnehmen aber ich konnte nicht fortkommen und jetzt sind sie wieder da und wollen mich mitnehmen und ich will auch gehen da kannst du sicher sein." "Ich moechte nicht das Kind sein!" rief die Barbel mit abwehrender Gebaerde aus. "Es weiss ja kein Mensch was mit dem Alten da oben ist! Mit keinem Menschen will er etwas zu tun haben jahraus jahrein setzt er keinen Fuss in eine Kirche und wenn er mit seinem dicken Stock im Jahr einmal herunterkommt so weicht ihm alles aus und muss sich vor ihm fuerchten. Mit seinen dicken grauen Augenbrauen und dem furchtbaren Bart sieht er auch aus wie ein alter Heide und Indianer dass man froh ist wenn man ihm nicht allein begegnet." "Und wenn auch" sagte Dete trotzig "er ist der Grossvater und muss fuer das Kind sorgen er wird ihm wohl nichts tun sonst hat er's zu verantworten nicht ich." "Ich moechte nur wissen" sagte die Barbel forschend "was der Alte auf dem Gewissen hat dass er solche Augen macht und so mutterseelenallein da droben auf der Alm bleibt und sich fast nie blicken laesst. Man sagt allerhand von ihm; du weisst doch gewiss auch etwas davon von deiner Schwester nicht Dete?" "Freilich aber ich rede nicht; wenn er's hoerte so kaeme ich schoen an!" Aber die Barbel haette schon lange gern gewusst wie es sich mit dem Alm-Oehi verhalte dass er so menschenfeindlich aussehe und da oben ganz allein wohne und die Leute immer so mit halben Worten von ihm redeten als fuerchteten sie sich gegen ihn zu sein und wollten doch nicht fuer ihn sein. Auch wusste die Barbel gar nicht warum der Alte von allen Leuten im Doerfli der Alm-Oehi genannt wurde er konnte doch nicht der wirkliche Oheim von den saemtlichen Bewohnern sein; da aber alle ihn so nannten tat sie es auch und nannte den Alten nie anders als Oehi was die Aussprache der Gegend fuer Oheim ist. Die Barbel hatte sich erst vor kurzer Zeit nach dem Doerfli hinauf verheiratet vorher hatte sie unten im Praettigau gewohnt und so war sie noch nicht so ganz bekannt mit allen Erlebnissen und besonderen Persoenlichkeiten aller Zeiten vom Doerfli und der Umgegend. Die Dete ihre gute Bekannte war dagegen vom Doerfli gebuertig und hatte da gelebt mit ihrer Mutter bis vor einem Jahr; da war diese gestorben und die Dete war nach dem Bade Ragaz hinuebergezogen wo sie im grossen Hotel als Zimmermaedchen einen guten Verdienst fand. Sie war auch an diesem Morgen mit dem Kinde von Ragaz hergekommen; bis Maienfeld hatte sie auf einem Heuwagen fahren koennen auf dem ein Bekannter von ihr heimfuhr und sie und das Kind mitnahm. - Die Barbel wollte also diesmal die gute Gelegenheit etwas zu vernehmen nicht unbenutzt vorbeigehen lassen; sie fasste vertraulich die Dete am Arm und sagte: "Von dir kann man doch vernehmen was wahr ist und was die Leute darueber hinaus sagen; du weisst denk ich die ganze Geschichte. Sag mir jetzt ein wenig was mit dem Alten ist und ob der immer so gefuerchtet und ein solcher Menschenhasser war." "Ob er immer so war kann ich denk ich nicht praezis wissen ich bin jetzt sechsundzwanzig und er sicher siebzig Jahr alt; so hab ich ihn nicht gesehen wie er jung war das wirst du nicht erwarten. Wenn ich aber wuesste dass es nachher nicht im ganzen Praettigau herumkaeme so koennte ich dir schon allerhand erzaehlen von ihm; meine Mutter war aus dem Domleschg und er auch." "A bah Dete was meinst denn?" gab die Barbel ein wenig beleidigt zurueck; "es geht nicht so streng mit dem Schwatzen im Praettigau und dann kann ich schon etwas fuer mich behalten wenn es sein muss. Erzaehl mir's jetzt es muss dich nicht gereuen." "Ja nu so will ich aber halt Wort!" mahnte die Dete. Erst sah sie sich aber um ob das Kind nicht zu nah sei und alles anhoere was sie sagen wollte; aber das Kind war gar nicht zu sehen es musste schon seit einiger Zeit den beiden Begleiterinnen nicht mehr gefolgt sein diese hatten es aber im Eifer der Unterhaltung nicht bemerkt. Dete stand still und schaute sich ueberall um. Der Fussweg machte einige Kruemmungen doch konnte man ihn fast bis zum Doerfli hinunter uebersehen es war aber niemand darauf sichtbar. "Jetzt seh ich's" erklaerte die Barbel; "siehst du dort?" und sie wies mit dem Zeigefinger weitab vom Bergpfad. "Es klettert die Abhaenge hinauf mit dem Geissenpeter und seinen Geissen. Warum der heut so spaet hinauffaehrt mit seinen Tieren? Es ist aber gerad recht er kann nun zu dem Kinde sehen und du kannst mir umso besser erzaehlen." "Mit dem Nach-ihm-Sehen muss sich der Peter nicht anstrengen" bemerkte die Dete; "es ist nicht dumm fuer seine fuenf Jahre es tut seine Augen auf und sieht was vorgeht das hab ich schon bemerkt an ihm und es wird ihm einmal zugut kommen denn der Alte hat gar nichts mehr als seine zwei Geissen und die Almhuette." "Hat er denn einmal mehr gehabt?" fragte die Barbel. "Der? Ja das denk ich dass er einmal mehr gehabt hat" entgegnete eifrig die Dete; "eins der schoensten Bauerngueter im Domleschg hat er gehabt. Er war der aeltere Sohn und hatte nur noch einen Bruder der war still und ordentlich. Aber der Aeltere wollte nichts tun als den Herrn spielen und im Lande herumfahren und mit boesem Volk zu tun haben das niemand kannte. Den ganzen Hof hat er verspielt und verzecht und wie es herauskam da sind sein Vater und seine Mutter hintereinander gestorben vor lauter Gram und der Bruder der nun auch am Bettelstab war ist vor Verdruss in die Welt hinaus es weiss kein Mensch wohin und der Oehi selber als er nichts mehr hatte als einen boesen Namen ist auch verschwunden. Erst wusste niemand wohin dann vernahm man er sei unter das Militaer gegangen nach Neapel und dann hoerte man nichts mehr von ihm zwoelf oder fuenfzehn Jahre lang. Dann auf einmal erschien er wieder im Domleschg mit einem halb erwachsenen Buben und wollte diesen in der Verwandtschaft unterzubringen suchen. Aber es schlossen sich alle Tueren vor ihm und keiner wollte mehr etwas von ihm wissen. Das erbitterte ihn sehr; er sagte ins Domleschg setze er keinen Fuss mehr und dann kam er hierher ins Doerfli und lebte da mit dem Buben. Die Frau muss eine Buendnerin gewesen sein die er dort unten getroffen und dann bald wieder verloren hatte. Er musste noch etwas Geld haben denn er liess den Buben den Tobias ein Handwerk erlernen Zimmermann und der war ein ordentlicher Mensch und wohlgelitten bei allen Leuten im Doerfli. Aber dem Alten traute keiner man sagte auch er sei von Neapel desertiert es waere ihm sonst schlimm gegangen denn er habe einen erschlagen natuerlich nicht im Krieg verstehst du sondern beim Raufhandel. Wir anerkannten aber die Verwandtschaft da meiner Mutter Grossmutter mit seiner Grossmutter Geschwisterkind gewesen war. So nannten wir ihn Oehi und da wir fast mit allen Leuten im Doerfli wieder verwandt sind vom Vater her so nannten ihn diese alle auch Oehi und seit er dann auf die Alm hinaufgezogen war hiess er eben nur noch der 'Alm-Oehi'." "Aber wie ist es dann mit dem Tobias gegangen?" fragte gespannt die Barbel. "Wart nur das kommt schon ich kann nicht alles auf einmal sagen" erklaerte Dete. "Also der Tobias war in der Lehre draussen in Mels und sowie er fertig war kam er heim ins Doerfli und nahm meine Schwester zur Frau die Adelheid denn sie hatten sich schon immer gern gehabt und auch wie sie nun verheiratet waren konnten sie's sehr gut zusammen. Aber es ging nicht lange. Schon zwei Jahre nachher wie er an einem Hausbau mithalf fiel ein Balken auf ihn herunter und schlug ihn tot. Und wie man den Mann so entstellt nach Hause brachte da fiel die Adelheid vor Schrecken und Leid in ein heftiges Fieber und konnte sich nicht mehr erholen sie war sonst nicht sehr kraeftig und hatte manchmal so eigene Zustaende gehabt dass man nicht recht wusste schlief sie oder war sie wach. Nur ein paar Wochen nachdem der Tobias tot war begrub man auch die Adelheid. Da sprachen alle Leute weit und breit von dem traurigen Schicksal der beiden und leise und laut sagten sie das sei die Strafe die der Oehi verdient habe fuer sein gottloses Leben und ihm selbst wurde es gesagt und auch der Herr Pfarrer redete ihm ins Gewissen er sollte doch jetzt Busse tun aber er wurde nur immer grimmiger und verstockter und redete mit niemandem mehr es ging ihm auch jeder aus dem Wege. Auf einmal hiess es der Oehi sei auf die Alm hinaufgezogen und komme gar nicht mehr herunter und seither ist er dort und lebt mit Gott und Menschen im Unfrieden. Das kleine Kind der Adelheid nahmen wir zu uns die Mutter und ich; es war ein Jahr alt. Wie nun im letzten Sommer die Mutter starb und ich im Bad drunten etwas verdienen wollte nahm ich es mit und gab es der alten Ursel oben im Pfaefferserdorf in die Kost. Ich konnte auch im Winter im Bad bleiben es gab allerhand Arbeit weil ich zu naehen und flicken verstehe und frueh im Fruehling kam die Herrschaft aus Frankfurt wieder die ich voriges Jahr bedient hatte und die mich mitnehmen will; uebermorgen reisen wir ab und der Dienst ist gut das kann ich dir sagen." "Und dem Alten da droben willst du nun das Kind uebergeben? Es nimmt mich nur wunder was du denkst Dete" sagte die Barbel vorwurfsvoll. "Was meinst du denn?" gab Dete zurueck. "Ich habe das Meinige an dem Kinde getan und was sollte ich denn mit ihm machen? Ich denke ich kann eines das erst fuenf Jahre alt wird nicht mit nach Frankfurt nehmen. Aber wohin gehst du eigentlich Barbel wir sind ja schon halbwegs auf der Alm?" "Ich bin auch gleich da wo ich hinmuss" entgegnete die Barbel; "ich habe mit der Geissenpeterin zu reden sie spinnt mir im Winter. So leb wohl Dete mit Glueck!" Dete reichte der Begleiterin die Hand und blieb stehen waehrend diese der kleinen dunkelbraunen Almhuette zuging die einige Schritte seitwaerts vom Pfad in einer Mulde stand wo sie vor dem Bergwind ziemlich geschuetzt war. Die Huette stand auf der halben Hoehe der Alm vom Doerfli aus gerechnet und dass sie in einer kleinen Vertiefung des Berges stand war gut denn sie sah so baufaellig und verfallen aus dass es auch so noch ein gefaehrliches Darinwohnen sein musste wenn der Foehnwind so maechtig ueber die Berge strich dass alles an der Huette klapperte Tueren und Fenster und alle die morschen Balken zitterten und krachten. Haette die Huette an solchen Tagen oben auf der Alm gestanden sie waere unverzueglich ins Tal hinabgeweht worden. Hier wohnte der Geissenpeter der elfjaehrige Bube der jeden Morgen unten im Doerfli die Geissen holte um sie hoch auf die Alm hinaufzutreiben um sie da die kurzen kraeftigen Kraeuter fressen zu lassen bis zum Abend; dann sprang der Peter mit den leichtfuessigen Tierchen wieder herunter tat im Doerfli angekommen einen schrillen Pfiff durch die Finger und jeder Besitzer holte seine Geiss auf dem Platz. Meistens kamen kleine Buben und Maedchen denn die friedlichen Geissen waren nicht zu fuerchten und das war denn den ganzen Sommer durch die einzige Zeit am Tage da der Peter mit seinesgleichen verkehrte; sonst lebte er nur mit den Geissen. Er hatte zwar daheim seine Mutter und die blinde Grossmutter; aber da er immer am Morgen sehr frueh fortmusste und am Abend vom Doerfli spaet heimkam weil er sich da noch so lange als moeglich mit den Kindern unterhalten musste so verbrachte er daheim nur gerade so viel Zeit um am Morgen seine Milch und Brot und am Abend ebendasselbe hinunterzuschlucken und dann sich aufs Ohr zu legen und zu schlafen. Sein Vater der auch schon der Geissenpeter genannt worden war weil er in frueheren Jahren in demselben Berufe gestanden hatte war vor einigen Jahren beim Holzfaellen verunglueckt. Seine Mutter die zwar Brigitte hiess wurde von jedermann um des Zusammenhangs willen die Geissenpeterin genannt und die blinde Grossmutter kannten weit und breit Alt und Jung nur unter dem Namen Grossmutter. Die Dete hatte wohl zehn Minuten gewartet und sich nach allen Seiten umgesehen ob die Kinder mit den Geissen noch nirgends zu sehen seien; als dies aber nicht der Fall war so stieg sie noch ein wenig hoeher wo sie besser die ganze Alm bis hinunter uebersehen konnte und guckte nun von hier aus bald dahin bald dorthin mit Zeichen grosser Ungeduld auf dem Gesicht und in den Bewegungen. Unterdessen rueckten die Kinder auf einem grossen Umwege heran denn der Peter wusste viele Stellen wo allerhand Gutes an Straeuchern und Gebueschen fuer seine Geissen zu nagen war; darum machte er mit seiner Herde vielerlei Wendungen auf dem Wege. Erst war das Kind muehsam nachgeklettert in seiner schweren Ruestung vor Hitze und Unbequemlichkeit keuchend und alle Kraefte anstrengend. Es sagte kein Wort blickte aber unverwandt bald auf den Peter der mit seinen nackten Fuessen und leichten Hoeschen ohne alle Muehe hin und her sprang bald auf die Geissen die mit den duennen schlanken Beinchen noch leichter ueber Busch und Stein und steile Abhaenge hinaufkletterten. Auf einmal setzte das Kind sich auf den Boden nieder zog mit grosser Schnelligkeit Schuhe und Struempfe aus stand wieder auf zog sein rotes dickes Halstuch weg machte sein Roeckchen auf zog es schnell aus und hatte gleich noch eins auszuhaekeln denn die Base Dete hatte ihm das Sonntagskleidchen ueber das Alltagszeug angezogen um der Kuerze willen damit niemand es tragen muesse. Blitzschnell war auch das Alltagsroecklein weg und nun stand das Kind im leichten Unterroeckchen die blossen Arme aus den kurzen Hemdaermelchen vergnueglich in die Luft hinausstreckend. Dann legte es schoen alles auf ein Haeufchen und nun sprang und kletterte es hinter den Geissen und neben dem Peter her so leicht als nur eines aus der ganzen Gesellschaft. Der Peter hatte nicht Acht gegeben was das Kind mache als es zurueckgeblieben war. Wie es nun in der neuen Bekleidung nachgesprungen kam zog er lustig grinsend das ganze Gesicht auseinander und schaute zurueck und wie er unten das Haeuflein Kleider liegen sah ging sein Gesicht noch ein wenig mehr auseinander und sein Mund kam fast von einem Ohr bis zum anderen; er sagte aber nichts. Wie nun das Kind sich so frei und leicht fuehlte fing es ein Gespraech mit dem Peter an und er fing auch an zu reden und musste auf vielerlei antworten denn das Kind wollte wissen wie viele Geissen er habe und wohin er mit ihnen gehe und was er dort tue wo er hinkomme. So langten endlich die Kinder samt den Geissen oben bei der Huette an und kamen der Base Dete zu Gesicht. Kaum aber hatte diese die herankletternde Gesellschaft erblickt als sie laut aufschrie: "Heidi was machst du? Wie siehst du aus? Wo hast du deinen Rock und den zweiten und das Halstuch? Und ganz neue Schuhe habe ich dir gekauft auf den Berg und dir neue Struempfe gemacht und alles fort! Alles fort! Heidi was machst du wo hast du alles?" Das Kind zeigte ruhig den Berg hinunter und sagte: "Dort!" Die Base folgte seinem Finger. Richtig dort lag etwas und obenauf war ein roter Punkt das musste das Halstuch sein. "Du Unglueckstropf!" rief die Base in grosser Aufregung. "Was kommt dir denn in den Sinn warum hast du alles ausgezogen? Was soll das sein?" "Ich brauch es nicht" sagte das Kind und sah gar nicht reuevoll aus ueber seine Tat. "Ach du unglueckseliges vernunftloses Heidi hast du denn auch noch gar keine Begriffe?" jammerte und schalt die Base weiter. "Wer sollte nun wieder da hinunter es ist ja eine halbe Stunde! Komm Peter lauf du mir schnell zurueck und hol das Zeug komm schnell und steh nicht dort und glotze mich an als waerst du am Boden festgenagelt." "Ich bin schon zu spaet" sagte Peter langsam und blieb ohne sich zu ruehren auf demselben Fleck stehen von dem aus er beide Haende in die Taschen gesteckt dem Schreckensausbruch der Base zugehoert hatte. "Du stehst ja doch nur und reissest deine Augen auf und kommst denk ich nicht weit auf die Art!" rief ihm die Base Dete zu. "Komm her du musst etwas Schoenes haben siehst du?" Sie hielt ihm ein neues Fuenferchen hin das glaenzte ihm in die Augen. Ploetzlich sprang er auf und davon auf dem geradesten Weg die Alm hinunter und kam in ungeheuren Saetzen in kurzer Zeit bei dem Haeuflein Kleider an packte sie auf und erschien damit so schnell dass ihn die Base ruehmen musste und ihm sogleich sein Fuenfrappenstueck ueberreichte. Peter steckte es schnell tief in seine Tasche und sein Gesicht glaenzte und lachte in voller Breite denn ein solcher Schatz wurde ihm nicht oft zuteil. "Du kannst mir das Zeug noch tragen bis zum Oehi hinauf du gehst ja auch den Weg" sagte die Base Dete jetzt indem sie sich anschickte den steilen Abhang zu erklimmen der gleich hinter der Huette des Geissenpeter emporragte. Willig uebernahm dieser den Auftrag und folgte der Voranschreitenden auf dem Fusse nach den linken Arm um sein Buendel geschlungen in der Rechten die Geissenrute schwingend. Das Heidi und die Geissen huepften und sprangen froehlich neben ihm her. So gelangte der Zug nach drei Viertelstunden auf die Almhoehe wo frei auf dem Vorsprung des Berges die Huette des alten Oehi stand allen Winden ausgesetzt aber auch jedem Sonnenblick zugaenglich und mit der vollen Aussicht weit ins Tal hinab. Hinter der Huette standen drei alte Tannen mit dichten langen unbeschnittenen Aesten. Weiter hinten ging es nochmals bergan bis hoch hinauf in die alten grauen Felsen erst noch ueber schoene kraeuterreiche Hoehen dann in steiniges Gestruepp und endlich zu den kahlen steilen Felsen hinan. An die Huette festgemacht der Talseite zu hatte sich der Oehi eine Bank gezimmert. Hier sass er eine Pfeife im Mund beide Haende auf seine Knie gelegt und schaute ruhig zu wie die Kinder die Geissen und die Base Dete herankletterten denn die Letztere war nach und nach von den anderen ueberholt worden. Heidi war zuerst oben; es ging geradeaus auf den Alten zu streckte ihm die Hand entgegen und sagte: "Guten Abend Grossvater!" "So so wie ist das gemeint?" fragte der Alte barsch gab dem Kinde kurz die Hand und schaute es mit einem langen durchdringenden Blick an unter seinen buschigen Augenbrauen hervor. Heidi gab den langen Blick ausdauernd zurueck ohne nur einmal mit den Augen zu zwinkern denn der Grossvater mit dem langen Bart und den dichten grauen Augenbrauen die in der Mitte zusammengewachsen waren und aussahen wie eine Art Gestraeuch war so verwunderlich anzusehen dass Heidi ihn recht betrachten musste. Unterdessen war auch die Base herangekommen samt dem Peter der eine Welle stille stand und zusah was sich da ereigne. "Ich wuensche Euch guten Tag Oehi" sagte die Dete hinzutretend "und hier bring ich Euch das Kind vom Tobias und der Adelheid. Ihr werdet es wohl nicht mehr kennen denn seit es jaehrig war habt Ihr es nie mehr gesehen." "So was muss das Kind bei mir?" fragte der Alte kurz; "und du dort" rief er dem Peter zu "du kannst gehen mit deinen Geissen du bist nicht zu frueh; nimm meine mit!" Der Peter gehorchte sofort und verschwand denn der Oehi hatte ihn angeschaut dass er schon genug davon hatte. ...