Der Alpenkonig Und Der Menschenfeind

Der Alpenkonig Und Der Menschenfeind

DER ALPENKONIG UND DER MENSCHENFEIND FERDINAND RAIMUND Romantisch-komisches Original-Zauberspiel in zwei Aufzuegen Personen: Astragalus der Alpenkoenig Linarius und Alpanor Alpengeister Herr von Rappelkopf ein reicher Gutsbesitzer Sophie seine Frau Malchen seine Tochter dritter Ehe Herr von Silberkern Sophiens Bruder Kaufmann in Venedig August Dorn ein junger Maler Lischen Malchens Kammermaedchen Habakuk Bedienter bei Rappelkopf Sebastian Kutscher in Rappelkopfs Dienst Sabine Koechin in Rappelkopfs Dienst Christian Gluehwurm ein Kohlenbrenner Marthe sein Weib Salchen ihre Tochter Haenschen Christoph und Andres ihre Kinder Franzel ein Holzhauer Salchens Braeutigam Christians Grossmutter Rappelkopfs verstorbene Weiber: Victorinens Gestalt Wallburgas Gestalt Emerentias Gestalt Alpengeister. Genien im Tempel der Erkenntnis. Dienerschaft in Rappelkopfs Hause. Die Handlung geht auf und um Rappelkopfs Landgut vor. Erster Aufzug Erster Auftritt Die Ouvertuere beginnt sanft und drueckt froehlichen Vogelsang aus dann geht sie in fremdartiges Jagdgetoen ueber begleitet von Buechsenknall. Beim Aufziehen der Kurtine zeigt sich eine reizende Gegend am Fuss einer Alpe welche sich im Hintergrunde majestaetisch erhebt. Im Vordergrunde zeichnet sich in der Mitte ein Gebuesche von Alpenrosen links ein abgebrochener Baumstamm und im Vordergrunde rechts ein hoher Fels aus. Ein Chor von Alpengeistern dabei Linarius durchaus grau als Gemsenjaeger gekleidet jeder eine erlegte Gemse ueber den Ruecken haengen eilt von der Alpe herab und sammelt sich im Vordergrunde der Buehne. Chor. Stellt die Jagd ein luftge Schuetzen! Von den steilen Alpenspitzen Steigt herab ins blumge Tal. Zaehlt mit wilder Jaegerfreude Schnell die frischgefaellte Beute Hier im gruenen Weidmannssaal. Zweiter Auftritt Astragalus ganz grau gleich den uebrigen Geistern als Alpenjaeger gekleidet ein Jagdgewehr ueber die Schulter. Astragalus (im rauhen Tone). Holla ho ihr Jaegersleute! Seid genuegsam in der Beute. Lasst ihr jagdberauschten Schergen Ruhn das Gemsvolk in den Bergen. Lang gedonnert haben wir Heut im steinigten Revier. Linarius (erster Alpengeist). Grosser Fuerst du magst nur winken Und der Alpen Geister sinken Kraftberaubet in den Staub Wie vorm Sturmwind welkes Laub. Keiner ist hier der es wagt Fortzusetzen mehr die Jagd. Doch es kann nichts Schoenres geben Als auf Alpenspitzen schweben Und den Blitz vom Rohre senden Der Gazelle Leben enden. Ha! wenn aus metallnem Lauf Krachend sich der Schuss entladet Und die goldne Kugel drauf In der Gemse Blut sich badet: Das ist echte Weidmannslust Das erhebt des Jaegers Brust. Alle. Das ist echte Weidmannslust! Das erhebt des Jaegers Brust! Astragalus. Bei des Eismeers starren Wellen Ihr seid wackre Jagdgesellen. Oft soll euch die Lust entzuecken Doch auch andre mags begluecken. Denn was wir dem Berg entwenden Will ins duerftge Tal ich senden. An Bewohner niedrer Huetten Die um karges Mahl oft bitten Teilet eure Gemsen aus. Werft sie unsichtbar ins Haus. Linarius. Edel ist stets dein Beginnen Und wir eilen schnell von hinnen Um den maechtgen Herrscherwillen Stolz zu ehren durch Erfuellen. Lasst die Huetten uns umrauschen Und leis dem Entzuecken lauschen Wenn sie in der Tiere Wunden Goldne Kugeln aufgefunden. Dankesperlen die sie weinen Wollen wir zu Kraenzen einen Dass sie zieren dann zum Lohn Lieblich deinen Alpenthron. (Alle ab.) Dritter Auftritt Astragalus allein. Astragalus. Wohl soll in der Geister Walten Lieb und Grossmut maechtig schalten Und ihr Wesen hoher Art Wo sich Kraft mit Freiheit paart Soll befreit von irdschem Band Schwingen sich an Aethers Rand. Doch so wies im Menschenleben Boes und gut Gesinnte gibt Jener hasst und dieser liebt: So ists auch in Geistersphaeren Dass nicht all nach oben kehren Ihr entkoerpert Schattenhaupt Und des liebten Sinns beraubt Auch der Boese schaut nach unten An die finstre Macht gebunden. Und so wird der Krieg bedinget Der die Welt mit Leid umschlinget Der die Wolken jagt durch Luefte Der auf Erden baut die Gruefte Der den Geist gen Geist entzweiet Der dem Hai die Kraft verleihet In des Meeres Flut zu wueten Der dem Nordhauch schenkt die Blueten Der den Sturm peitscht gegen Schiffe Dass zerschmettern sie am Riffe Der die Menschen reiht in Heere Dass sie zu des Hasses Ehre Ueber ihrer Brueder Leichen Sich des Sieges Lorbeer reichen-- Doch ich liebe Geisterfrieden Bin dem Menschen gut hienieden Hause nicht in Bergesschluenden Lass in freier Luft mich finden. Hab auf Hoehen glaenzend weiss Auf des Gletschers kuehnstem Eis Mein kristallnes Schloss erbaut Das der Sterne Antlitz schaut. Und dort blick aus klaren Raeumen Auf der Menschheit eitles Traeumen Mitleidsvoll ich oft herab. Doch wenn ich am Pilgerstab Manch Verirrten wandern sehe Steig von meiner wolkgen Hoehe Nieder ich zum Erdenrunde Reich ihm schnell die Hand zum Bunde Und leit ihn mit Freundessinn Zum Erkenntnistempel hin. (Ab.) Vierter Auftritt Auf der entgegengesetzten Seite Malchen Lischen. Erstere im lichtblauen Sommerkleide einen Strohhut auf dem Haupte laeuft froehlich voraus. Malchen. Ach das heiss ich gelaufen wie pfeilschnell doch die Liebe macht! (Sieht sich um.) Hier ist mein teures Tal. Wie herrlich alles blueht heut glaenzt die Sonne doppelt schoen als waere Festtag an dem Himmel und sie des Festes Koenigin. Ach wie dank ich dir du liebe Sonne dass du mir meinen August bringst. Lischen Lischen! (Ruft in die Kulisse.) Wo bleibst du denn? Wie aengstlich sie sich umsieht. Was hast du denn? Lischen (kommt ganz verwirrt und sehr geschwaetzig). Aber Sie unglueckseliges Fraeulein wie koennen Sie sich denn heute in diese beruechtigte verrufene bezauberte Gegend wagen? Haben Sie nicht die wilde Jagd gehoert? heut ist der Alpenkoenig los. Haett ich das gewusst Sie haetten mich nicht mit zwanzig Pferden aus dem Haus gezogen. Aber Sie weckten mich auf sagten mir ich sollte mich schnell anziehen Sie wollten Ihrem August entgegeneilen der heute von seiner Kunstreise aus Italien zurueckkoemmt. Malchen. Nun das tat ich ja. Hier erwart ich meinen August. Sein letzter Brief nennt mir den heutgen Morgen. Hier schieden wir in Gegenwart meiner Mutter vor drei Jahren mit betruebtem Herzen voneinander. Du weisst dass mein Vater schon damals gegen unsere Liebe war obwohl Augusts Onkel starb und ihm einiges Vermoegen hinterliess schlug er ihm doch meine Hand ab geriet in den heftigsten Zorn und warf ihm Talentlosigkeit in seiner Malerkunst vor. August auf das bitterste gekraenkt beschloss nach Italien zu reisen um seinen Kummer zu zerstreuen und sich an den grossen Mustern zu bilden. Hier schwor er mir ewge Treue meine gute Mutter versprach uns ihren Beistand doch du weisst wie es um meinen armen Vater steht. Hier haben wir uns getrennt hier gelobten wir uns wieder in die Arme zu stuerzen. Nach seinen Briefen hat er grosse Fortschritte in seiner Kunst gemacht. Lischen. Was Italien was Kunst was helfen mir alle Maler von ganz Italien und Australien! In diesen Bergen haust der Alpenkoenig. Und wenn uns der erblickt so sind wir verloren. Malchen. So sei nur ruhig es wird ja den Hals nicht kosten. Lischen. Aber die Schoenheit kanns kosten und der Verlust der Schoenheit geht uns Maedchen an den Hals. Und wie innig ist die Schoenheit mit dem Hals verbunden wer halst uns denn wenn wir nicht schoen mehr sind? Wissen Sie denn nicht dass jedes Maedchen das den Alpenkoenig erblickt in dem Augenblick um vierzig Jahre aelter wird? Ja sehen Sie mich nur an keine Minute wird herabgehandelt. Vierzig Jahre und unsere jetzigen auch noch dazu da wird eine schoene Rechnung herauskommen. Stellen Sie sich die Folgen einer so entsetzlichen Verwandlung vor. Was wuerde ihr geliebter Maler dazu sagen wenn er in Ihnen statt einer bluehenden Fruehlingslandschaft eine ehrwuerdige Wintergegend aus der niederlaendischen Schule erblickte was wuerden alle meine Anbeter dazu sagen wenn der Anblick dieses Ungetuems meine Wangen in Falten legte wie eine hundertjaehrige Pergamentrolle? Malchen. Aber wer hat dir denn solche Maerchen aufgebunden? Beinahe koennt ich selbst in Angst geraten. Es gibt gar keinen Alpenkoenig. Lischen. Nicht? Nun gut--bald werd ich Sie wie meine Grossmutter verehren. Folgen Sie mir oder ich laufe allein davon. (Will fort.) Malchen. So bleib nur mein August wird bald hier sein die Sonne steht schon hoch du musst mir Toilette machen helfen der Wind hat meine Locken ganz zerruettet. Du hast doch den kleinen Spiegel mitgenommen wie ich dir befahl? Lischen. Ei freilich ach haett ich lieber meine Angst vergessen! Malchen. So. (Setzt sich auf den Baumstamm und oeffnet ihre Locken. Lischen steht mit dem Spiegel vor ihr.) Halt ihn nur! Weisst du Lischen ich muss mich doch ein wenig zusammenputzen er koemmt aus Italien und die Frauenzimmer sollen dort sehr schoen sein. Lischen. Hahaha warum nicht gar! Ich kenne in der Welt nur ein schoenes Frauenzimmer. Sie werden mich verstehen Fraeulein. Malchen (nimmt es auf sich). Du bist zu galant Lischen das verdien ich nicht. Lischen (beiseite). Die glaubt ich mein sie wie man nur so eitel sein kann--und ich meine mich. Malchen. So Lischen jetzt sind die Locken alle offen--jetzt halt nur gut der Alpenkoenig tut uns nichts. Lischen. Ach ums Himmels willen nennen Sie doch den abscheulichen Alpenfuersten nicht--(erschrickt) es rauscht ja etwas im Gebuesche Himmel ich lass den Spiegel fallen. (Ein Auerhahn fliegt aus dem Gebuesche auf. Sie schreit.) Ach der Alpenkoenig! (Laeuft mit dem Spiegel fort.) Malchen (nachrufend). Lischen Lischen was schreiest du denn es ist ja nur ein Vogel. Ach du lieber Himmel sie hat ja den Spiegel mitgenommen die laeuft ganz sicher nach Hause. Lischen so hoere doch! Entsetzlich meine Locken wenn jetzt August koemmt und mich so erblickt. Das ueberleb ich nicht. Ach du lieber Himmel wie haett ich mir das vorstellen koennen das ist doch das groesste Unglueck das einem Menschen begegnen kann. (Besinnt sich.) Aber pfui Malchen was ist das fuer eine Eitelkeit August wird dich doch nicht deiner Locken wegen lieben? (Aergerlich.) Aber die Locken tragen dazu bei wenn die Maenner nun einmal so sind was kann denn ich dafuer? Und warum heissen sie denn Locken wenn sie nicht bestimmt waeren die Maenner anzulocken? (Sieht in die Szene.) Ach dort eilt er schon den Huegel herauf. O welche Freude (huepft) welche Freude! (Ploetzlich stille.) Wenn nur die fatalen Locken nicht waeren! Ich will mich hinter den Rosenbusch verstecken vielleicht bring ich sie doch ein wenig zurechte. (Verbirgt sich hinter das Rosengebuesche.) Fuenfter Auftritt August im einfachen Reiseanzug eine Mappe unter dem Arme. August. Von dem meerumwogten Strande Aus dem wunderholden Lande Wo die goldnen Aehrenfelder Wechseln mit Orangenwaelder Wo die stolzen Apenninen Ueber alte Groesse sinnen Wo die Kunst mit Geisteswaffen Das Vollendetste erschaffen Wo die ungeheuren Reste Der zerfallenen Palaeste An die Kraft der Zeit uns mahnen Und wir bebend Hohes ahnen: Aus dem Tempel der Natur Kehr ich heim zur stillen Flur. Denn im biedern Vaterlande Ketten mich die teuern Bande Zarter Liebe fester Treue Und der Riesenbilder Reihe Die wie Traeume mich umwehen Schliesst ein frohes Wiedersehen. Seid mir gegruesst ihr heimatlichen Berge! O Erinnerung wie nah trittst du an mich und reichst mir einen schoenen Kranz geflochten aus vergangnen Freuden. Und doch muss ich bei all dem Schoenen hier das Schoenste noch vermissen bei all dem Lieben fehlt mein Liebstes mir. Wo bist du teures Malchen? Warum erwartest du mich nicht? Sollte sie meinen Brief nicht empfangen haben? Ist sie krank? Vielleicht kann sie so frueh vom Haus nicht fort. Sie koemmt gewiss. Ich will indes die Gegend zeichnen hier die sie so liebt und zum Geschenk ihrs bieten wenn sie naht. (Er setzt sich auf den Baumstamm und zeichnet.) Wie herrlich dort die Alpe glaenzt im Sonnenstrahl die heitre Luft und hier--der dunkle Fels der ueppge Rosenstrauch--nur eins gefaellt mir nicht die bleichen Rosen machen sich nicht gut ich wuesste schoenere die auf ihren Wangen bluehn. Waer nur Malchen hier sie sagte mir gewiss was ich fuer Farben waehlen soll. Malchen (oeffnet mit beiden Haenden den Rosenstrauch und blickt liebevoll hervor so dass sie mit halbem Leibe sichtbar ist und sagt zaertlich). Lass sie blau sein wie Bestaendigkeit. August (hoechst entzueckt). Amalie! (Sie stuerzen sich in die Arme.) Malchen. August lieber August! Astragalus (erscheint auf dem Fels im Vordergrunde und ruft). Heisa he! da gehts ja lustig zu im Alpentale. (Er stuetzt sich auf sein Gewehr und behorcht das folgende Gespraech.) August. Liebes schoenes gutes Malchen--(ploetzlich scherzhaft) boeses Malchen warum hast du mich auch nur einen Augenblick geneckt? Malchen. Sei nicht boese lieber August! August. Dafuer raech ich mich durch diesen Kuss. (Kuesst sie.) Malchen. O du rachsuechtiger Mensch! August (sanft). Bist du ungehalten darueber? Malchen (unschuldig). Gott bewahre raeche dich nur. Boese Leute sagen die Rache sei suess und auf diese Weise moecht ich es beinahe glauben. August. Gutes Malchen! Wie gluecklich fuehl ich mich dich wieder zu sehen nichts soll uns trennen als der Tod Malchen. Und mein Vater August der ist noch weit ueber den Tod. Wenn der gute Vater nur nicht gar so boese auf mich waere! August. Sorge nicht Malchen wenn er die Fortschritte meiner Kunst erfahren wird wenn er sich von der Bestaendigkeit meiner Liebe ueberzeugt so kann uns seine Einwilligung nicht entgehen. Ich will noch heute zu ihm. Malchen. Ach das ist vergebens. Mein Vater spricht niemand ausser seiner Familie nur selten die Dienerschaft. Er ist zum Menschenfeind geworden. August. Unmoeglich und du ruehmtest mir sein Herz seine Rechtlichkeit. Malchen. Er besitzt beides. Doch du weisst dass mein Vater als er in der Stadt noch den ausgebreiteten Buchhandel hatte um grosse Summen betrogen wurde die er aus Gutmuetigkeit an falsche Freunde verlieh. Undank und Niedertraechtigkeit brachten ihn zu dem Entschluss seinen Buchhandel aufzugeben die Stadt zu fliehen und sich auf seinem gegenwaertigen Landsitz vor der Zudringlichkeit aehnlicher ...